Rezension: Abaddons Tor | James S. A. Corey

Autor: James S. A. Corey
Originaltitel: Abaddon’s Gate
US 2013

Dritter Band (The Expanse)
624 Seiten
Verlag: Heyne
Genre: Space Opera (Sci-Fi)

ISBN: 978-3-453-52930-4
Erschienen: Februar 2014
Übersetzer: Jürgen Langowski

Zum Buch

Inhalt

Der Krieg hat begonnen – doch gegen wen?

Über Generationen hinweg war das Sonnensystem – Mars, der Mond, die Asteroidengürtel – die große Grenze der Menschheit. Bis jetzt. Das außerirdische Artefakt, welches sein Programm unter den Wolken der Venus durcharbeitet, ist hervorgedrungen, um ein massives Konstrukt außerhalb der Umlaufbahn des Uranus zu errichten: ein Tor, welches in die sternenlose Finsternis führt.

Jim Holden und die Besatzung der Rosinante sind Teil einer riesigen Flotte wissenschaftlicher und militärischer Schiffe, welche sich auf den Weg begeben, um das Artefakt zu untersuchen. Doch hinter den Kulissen entfaltet sich ein komplexer Plot, der die Zerstörung Holdens innehält. Während die Abgesandten der Menschheit versuchen herauszufinden, ob das Tor eine Gelegenheit oder Bedrohung ist, ist die größte Gefahr jene, die sie selbst mit sich brachten.

Zu viele Leute mit zu vielen Vorstellungen, und jeder machte sich Sorgen, die anderen könnten ihm in den Rücken fallen. Dies war die dümmste, die gefährlichste und […] die menschlichste Art und Weise, den göttergleichen Außerirdischen zu begegnen, die das Protomolekül erschaffen hatten, was auch immer sie tatsächlich waren.

Seite 258

Aufmachung

Das Cover der englischen Ausgabe, welches nun auch bei der deutschen Übersetzung zu sehen ist, passt dieses Mal wesentlich besser zu der Geschichte, zumal ich meine, dass kein Einschlag eines Objektes auf einen Himmelskörper eine bedeutende Rolle spielt.

Erneut zeigt der Titel ebenso wie die vorherigen Bände eine stimmige Verbindung zwischen der Handlung und einem Begriff der Antike/Mytholgie/Religion, stellvertretend für eine hintergründige Bedeutung.

Eigene Meinung

Vor über einem Jahr hatte ich die Reihe mit dem zweiten Band fortgesetzt, welcher mich begeisterte und Lust auf den nächsten Band hervorbrachte, zu welchem ich seltsamerweise aber erst jetzt in die Hand nahm. Daher war mein Bild einiger Charakteren leider nicht mehr so klar, wie ich es mir gewünscht hätte.

Das Protomolekül ist kein abgeschlossenes Problem der Vergangenheit. Es sorgt der von ihm geschaffene Ring – ein mysteriöses Konstrukt, welches ein Tor zu einer anderen Welt sein könnte – für neue zwischenmenschliche Konflikte, in die unweigerlich auch die Crew der Rosinante gerät. Doch ist sie nicht die Einzige, die sich auf den Weg zu jenem ungelösten und womöglich tödlichen Gebilde macht. Das Zusammentreffen verschiedenster Meinungen und Vorstellungen diverser Fraktionen, welche nicht alle auf einer Seite stehen, lässt die Gefahr des Protomoleküls zu einem Hintergrundproblem. Zudem sind nicht alle begeistert von Holdens vergangenen Handlungen und ist Rache entscheidender als alles andere.

Die Menschen greifen zur Gewalt, wenn ihnen die guten Ideen ausgehen. Gewalt ist attraktiv, weil sie so einfach ist, sie ist direkt und fast immer als Option verfügbar. Wenn Ihnen keine gute Erwiderung aus das Argument eines Gegners einfällt, können Sie ihm immer noch einen Faustschlag ins Gesicht versetzen.

Seite 515

Wie auch die vorherigen Bände trägt dieser den Aufbau des Einstieges mittels einer fremden Figur, die in Kontakt mit der anderen Lebensform kommt und vor den letzten Augenblicken ihr Lebens schwebt, gefolgt von Kapiteln mit Holden und neuen Charakteren, wobei schlussendlich allesamt aufeinander treffen und es dieses Mal wesentlich schneller geschieht als im zweiten Band, was positiv hervorzuheben ist. Kleine Anmerkungen der letzten Geschehnisse lassen einen nicht ohne Plan zurück und helfen durchaus einen leichten Eintritt in eine spannende Handlung zu schaffen.

Es ist erstaunlich, wie gut die beiden Autoren einen flüssigen Schreibstil gemeinsam geschaffen haben und auf welche Art die Erzählung aus erster Person von verschiedenen Figuren mehrere, konträre Perspektiven auf teils gleiche Situationen und Settings gibt. All die vielen, gewissermaßen neuen Charaktere führen jedoch dazu, zumindest wenn man sich nicht schnell mit ihnen anfreunden oder identifizieren kann und keinen tieferen Blick für sie bekommt, dass man zu Holdens Sicht zurück möchte. So legt man das Buch weniger oft aus der Hand, nur um wieder zu ihm und der Crew der Rosinante zu kommen, da sie eine feste Konstante in den Büchern sind und man mittlerweile sehr vertraut mit den Mitgliedern ist, ohne jedoch alles offenbart zu bekommen. Eben jene kleinen Hintergrundinformationen, auf welche angespielt wird, machen sie derart interessant – es gibt einen Grund, weshalb sie als fähige Menschen alle auf Canterbury gelandet sind. Sie alle sind verschieden, und dennoch spürt man das blinde Vertrauen unter ihnen. Es werden keine weiteren Fragen gestellt oder man gibt sich mit den geäußerten Details zufrieden. Trotz dass Holden, Naomi, Amos und Alex nicht oft in Erscheinung treten, so werden ihre Beziehungen untereinander durch Szenen, Reaktionen und Momente mit minimalen, aber bedeutenden Details ausgearbeitet. Sie fungieren als tief verbundene Crew, die jedoch durch Geschichten der Vergangenheit, welche durch äußere Einflüsse beinahe ans Licht geholt werden, zerreißen könnte, sodass man umso mehr Weiteres erfahren möchte. Ein kleiner Funken könnte ein Feuer entfachen, das leicht ihre Bindung verbrennen könnte.

»Wir selbst haben das getan! Dazu noch Ganymed, Phoebe und alles andere. Wir haben es getan. Wir handeln, ohne nachzudenken, und Sie sehen die Lösung darin, das Gleiche noch einmal zu tun. Sie haben sich mit dummen, gewalttätigen Männern verbündet und versuchen sich nun selbst davon zu überzeugen, dass es irgendjemanden hilft, wenn man dumm und gewalttätig ist.«

Seite 471

Das Auftreten von Miller gegenüber Holden lässt die Frage zwischen Realität und Halluzination zu Beginn aufkommen, die auf faszinierende Weise mit wundervollen Vergleichen und Erklärungen beantwortet wird. Im Allgemeinen möchte man all die Vorgänge in Holden und um seine Person sehen, vor allem da er in engste Kommunikation mit dem Protomolekül tritt, wobei sich Dinge immensen Ausmaßes eröffnen. Das Autorenpaar schafft es wahrlich gut Menschen an sich und untereinander darzustellen, indem alte Charaktere nicht in Vergessenheit geraten, Dialoge realistisch mit Nebenbemerkungen, die in passenden Momenten Humor tragen, und sich unterbrechenden Menschen gestaltet sind, wodurch manche das Gefühl bekommen, nicht wichtig zu sein. Zudem sind die Charaktere konstant in ihrer Wesensnatur und stellen verschiedene Vorstellungen von Richtig und Falsch dar. Des Weiteren empfinde ich die Ehrlichkeit zum Wesen der Menschen, zu ihren Kehrseiten, zu Gefühlen wie Angst gegen die man nicht ankämpft und offene Schwächen sehr erfrischend. Der blinde Wahn oder Wille der Menschen den Helden zu spielen als auch ihre Differenzen untereinander zeigen mehr, dass diese Reihe bisher vielmehr eine Geschichte der Menschheit mit ihren Konflikten, eine Darstellung ihres typischen Charakters, als jene einer Alieninvasion ist. Was ist tatsächlich das Böse? Gibt es einen richtigen Weg?

»[…] Jetzt hat uns etwas lahm gelegt und uns die Waffen weggenommen, uns jedoch nicht getötet. Das hat doch etwas zu bedeuten. Eine so mächtige Kraft könnte uns mühelos töten, wenn sie uns so leicht zu entwaffnen vermag. Das hat sie nicht getan. Statt herauszufinden, was dies bedeutet, blicken wir auf unsere Verletzungen und halten diese Macht für böse. […]«

Seite 396

Holden spielt mit dem Gedanken, ob es all die Entscheidungen wirklich wert waren oder es nicht besser wäre, wenn er und die Crew nicht höher und höher gestiegen wären, wenn sie weiterhin nur Güter transportieren würden. Dies verdeutlicht umso mehr, was in den letzten Bänden geschehen ist und wie sehr sich die Welt und Politik auf natürliche Weise verändert haben, welche Bedeutung Missverständnisse haben können. Es sind die Fehler, die Figuren besonders nachvollziehbar machen, wie beispielsweise die Selbsterkenntnis von Holden, sich selbst für das Größte und Wichtigste zu halten, dass er Selbsthass verspürt, weil er oft dachte der Schlüssel zu allem zu sein, der Auserwählte, dass es offene Mangel in seiner Persönlichkeit gibt und Naomi nicht das notwendige Element oder Mittel zum Zweck für eine unvermeidbare Liebesgeschichte ist, sondern Holdens Moralkompass. Der neue Charakter Anna scheint anfangs nur ein schlichter Mensch zu sein, der nicht ganz in die Geschichte passen könnte, als wäre sie ohne Zweck, weil sie keine Rachepläne hegt, kein Schiff retten oder erobern möchte oder die keine wichtige Stellung innehält, doch genau ihre Einfachheit kann dazu führen, dass man sich mit ihr identifizieren könnte. Ihre Fragen zum Protomolekül erzeugen neue Ebenen und tragen grundlegend zu einer anderen Sicht bei.

Jeder Charakter fühlt sich natürlich und wichtig in seiner Position als auch in Verbindung mit der Handlung an, denn obwohl jemand eine einfache Person sein kann, weder herausragend noch unsichtbar, weder von großer Intelligenz noch Dummheit, so kann er dennoch eine große Auswirkung haben oder ein simpler Orientierungspunkt für den Leser sein.

Wenn er an den Mann dachte, der er vor der Vernichtung der Canterbury gewesen war, dann erinnerte er sich an einen Mann, der voll selbstgerechter Gewissheit gewesen war. Richtig war richtig, falsch war falsch, und hier und dort musste man Grenzen ziehen. Die Begegnung mit Miller hatte ihm einen Teil davon ausgetrieben. Die Zeit als Handlanger für Fred Johnson hatte den Rest beseitigt oder mindestens stark abgeschliffen. Stattdessen war ein schleichender Nihilismus in ihm aufgekeimt.

Seite 555

Doch sosehr ich die tiefgründigen Darstellungen vieler Figuren mochte, so hatte ich dennoch meine Probleme mit den neueren und nicht nur weil ich miserabel bezüglich des Merkens von Namen aus vorherigen Bänden bin, weshalb gewisse, unerwartete Tode wichtiger Handlungsträger leider eine geringere Auswirkung für mich hatten. Sondern gleichen sie sich in mancher Hinsicht mit Figuren aus vorherigen Bänden und wirken deshalb weniger anregend. Vielleicht ist man auch nicht gerne bereit aufs wiederholte Mal neue Menschen kennenzulernen, mit welchen man erst nach zu langer Zeit warm wird, auch wenn sie bedeutend für die Geschichte sind, aber dann wieder im nächsten Band mit Abwesenheit glänzen. Neben Anna gibt es Bull, durch welchen die Unterschiede und Vorurteile der Menschen noch einmal unterstrichen werden und welcher einen starken Willen hat, denn braucht man stets jemanden, der im Hintergrund die Fäden zieht. Wie gerne ich ihn schon früher genauer begegnet wäre. Als richtige Antagonistin steht Melba Holden gegenüber, doch hat sie mich zu keinem Zeitpunkt angesprochen, auch nicht zum Ende hin. So wenig sie sich selbst kennt, so wenig kennt man sie gefühlt als Leser. Obwohl die neuen Figuren Potential haben, hat es mich nicht sonderlich gekümmert, was mit ihnen geschehen ist. Außerdem bringen Anna und Melba nicht wenige Szenen, die von großen Zufällen sprechen, was man schnell vergessen kann, wenn man sich im Fluss der Geschichte befindet. Vielleicht wäre es gut, würden etablierte Charaktere wie Bobbie nicht nach einem Buch verschwinden und weniger neue kämen hinzu.

Fazit

Zusammenfassend ist es ein überaus gelungener Fortgang der Reihe, nach welchem man augenblicklich mehr lesen möchte, da er schlichtweg gut geschrieben ist und das Ende ebenso wie Anspielungen innerhalb der Geschichte einen Ausblick auf all das geben, was kommen könnte, wie groß das Universum sein mag. Hoffentlich bekommt man mehr zum Protomolekül und alt bekannte Charaktere zu sehen.


4,5/5 ★


Weshalb gibt es tausende deutsche Inhaltsbeschreibungen, die teils nichts zu dem dritten Band aussagen oder davon sprechen, dass die Bevölkerung der Venus ausgelöscht wurde?

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