Rezension: Das Lied des Blutes | Anthony Ryan

Autor: Anthony Ryan
Originaltitel: Bood Song
UK 2011

Erster Band (Raven’s Shadow)
775 Seiten
Verlag: Klett-Cotta (Hobbit-Presse)
Genre: Epic Fantasy

ISBN: 978-3-608-93925-5
Erschienen: September 2014 (dt.)
Übersetzter: Sara und Hannes Riffel

Zum Buch

Inhalt

Vaelin Al Sorna, der berühmteste Gefangene des Reichs und sein größter Kämpfer, erzählt die atemberaubende Geschichte seines Lebens. Er ist auf einem Schiff unterwegs, das ihn zu dem Ort bringen soll, an dem es für ihn um Leben und Tod geht.

Er besaß viele Namen. Noch nicht einmal dreißig Jahre alt war er im Lauf der Geschichte bereits reich mit Titeln beschenkt worden: ›Schwert des Königs‹ hieß er für den wahnsinnigen Herrscher, der ihn als Geißel zu uns sandte; ›Junger Falke‹ für die Männer, die ihm in die Wirrnisse des Krieges folgten; ›Dunkelklinge‹ für seine cumbraelischen Feinde und ›Rabenschatten‹ für die geheimnisvollen Stämme des großen Nordwaldes.

Leseprobe (Seite 11)

Aufmachung

Das deutsche Cover sagt mir sehr zu, auch wenn die Klinge nicht ganz mit der Beschreibung aus dem Buch übereinstimmt und man diese Art des Designs auf dutzenden Büchern dieses Genres antreffen kann, doch zeigt es, was man erwarten kann. Hinzu kommt ein sehr trefflicher Titel, welcher einmal eine fast genaue Übersetzung des originalen ist. Ebenfalls sind die englischen Cover passend.

Zum besseren Verständnis der Welt gibt es eine hilfreiche, aber nicht überaus notwendige Karte, ein Personenverzeichnis und sogar die Regeln zu einem des Öfteren angesprochenen Gesellschaftspiels lassen sich finden.

Eigene Meinung

Auf der Suche nach einem Hörbuch bin ich auf dieses Buch gestoßen, wobei ich für viele Stunden meinte, die Draconis-Memoria-Reihe gewählt zu haben und sich dezente Verwirrung einschlich, wie Drachen ein Teil dieser Geschichte werden könnten. Dennoch wurde ich von diesem Auftakt nicht enttäuscht und bin ich froh, an diese Reihe geraten zu sein.

Vaelin Al Sorna – der Hoffnungstöter, der Rabenschatten, die Dunkelklinge. Viele Namen ranken sich um diesen berühmten Kämpfer. Er ist ein Krieger und nun Gefangener, der kurz vor einem Kampf auf Leben und Tod steht. Vieles hat er in seinen noch jungen Jahren erlebt. Es war ein Leben aus Herausforderungen, Fehlern, Kriegen, Glauben, Freundschaft, Verrat und Hoffnung. Die Geschichte seines Lebens erzählt er in seinen vermeintlich letzten Stunden.

»[…] Aber was tun wir, was die anderen Orden nicht tun ?«

[…]

»Ihr kämpft«, erwiderte Vaelin – beim Anblick der Gewalt und des Blutes hämmerte ihm das Herz in der Brust.
»Ja.« Der Aspekt blieb stehen und sah auf ihn her ab. »Wir kämpfen. Wir töten. Wir stürmen Festungsmauern und trotzen Pfeilen und Feuer. Wir stellen uns Pferden und Lanzen entgegen. Wir bahnen uns einen Weg durch Wälder aus Spießen und Speeren, um die Standarte unseres Gegners zu erobern. Der sechste Orden kämpft, aber wofür kämpft er?«
»Für die Königslande.«
Der Aspekt ging in die Hocke, um Vaelin in die Augen zu blicken. »Ja, die Königslande, aber was zählt noch mehr als die Königslande ?«
»Der Glaube?«

Leseprobe (Seiten 27-28)

Als Leser wird man in eine teils langsame und recht ausführliche Geschichte des Protagonisten Vaelin geführt, doch ist es durchaus keine Erzählung, die Langeweile aufbringt. Vaelin selbst erzählt in der Ich-Perspektive die Wahrheit hinter seiner Legende, beginnend mit seinen jüngsten Jahren und dem Eintritt in den Orden, der sein Leben grundlegend verändern wird. Mittels der Darstellung verschiedenster Etappen seiner Lebensgeschichte erfährt man zunehmend, durch welche Geschehnisse sein Wesen geprägt wurde, wie es sich in all den Jahren in Verbindung mit zahlreichen Opfern verändert hat und weshalb aus dem kleinen unschuldigen Jungen ein gefürchteter und von anderen verehrter Krieger geworden ist. Es eine Entwicklung des Zusammenspiels aus Freundschaften und Feindschaften, aus Höhen und Tiefen des gesellschaftlichen und politischen Spiels. Aufgrund des Blicks in die Gegenwart, welcher den Anfang und das Ende als auch Pausen zwischen den Teilen des Buches bildet, wird das Interesse an Vaelins Werdegang geweckt, vor allem in Hinblick auf den Kontrast seines Charakters aus weiter Vergangenheit und der Gegenwart.

Auf eine für dieses Genre typische Art lernt man die Welt Vaelins in Form seiner Ordensausbildung kennen. Doch obschon dieses Mittel äußerst redundant in Büchern Anwendung findet, so ist es hierbei ein gelungener Weg zum Einstieg und gleicht es keiner eintönigen Wiederholung anderer Werke. Das Leben im sechsten Orden, welcher im Namen des Glaubens Krieger ausbildet, und die Prüfungen lassen früh den Ernst des Lebens und die bedrohenden Gefahren spüren. Jeden kann es treffen. Wem kann man vertrauen? Welche Menschen kennt man wahrhaftig?

Vaelin trifft auf viele Figuren, welche sich allesamt homogen einfügen und vielfältig in ihren Darstellungen und Eigenschaften sind, wobei ich trotz der differenzierenden Besonderheiten in Teilen den Überblick über die zahlreichen Charaktere verloren habe, was jedoch größtenteils in meinem Problem mit Namen begründet liegt. Teils wünscht man sich mehr Details, doch ist es nicht ihre Geschichte, die erzählt wird, und geben sie zumeist der Welt dennoch mehr Größe und Fülle, ohne an Bedeutung innerhalb der Massen zu verlieren, ohne entwicklungslos zu bleiben. Und dennoch hat es leider keine Figur geschafft, mich emotional mitzureißen, obschon es eine große Auswahl an Persönlichkeiten gibt, der gelungene Flashback die Charaktere näher bringt und der Schreibstil ihnen Leben einhaucht.

Seine schwarzen Augen begegneten einen Moment lang den meinen, durchdringend, forschend. Ich fragte mich, ob die sonderbaren Geschichten über ihn der Wahrheit entsprachen, ob im Blick dieses Wilden tatsächlich Magie lag. Konnte er wirklich in die Seele eines Menschen schauen?

Leseprobe (Seiten 12-13)

Mit dem Fortschreiten der Handlungen offenbaren sich zunehmend größere Verstrickungen im Hintergrund, jedoch ohne zu komplexer Überwältigung anzuwachsen, und schleicht sich eine dezente, aber an Bedeutung zunehmende, fühlbare Bedrohung an, welche sich auf verschiedenste Weise abzeichnet. Zudem tritt das Element der dunklen Gabe ans Licht, welche Vaelin selbst über all die Jahre und unterschiedlichsten Begegnungen kennen, manchmal fürchten oder lieben lernt. Im Allgemeinen führt die Erwähnung der Auswirkungen und Formen dieser übernatürlichen Gabe dazu, dass man mehr diesbezüglich erfahren möchte.

Dennoch gibt es Momente, die einen nicht mitreißen und das Buch problemlos pausieren lassen, was durchaus keine schlechte Eigenschaft sein muss. Wiederum haben mich besonders die letzten Seiten aufgrund vieler spannender Szenen mitgerissen, zumal Vaelin in jenem Teil des Buches viele Geheimnisse in sich trägt, die schlussendlich in unerwarteten Drehpunkten enden. Vaelin an sich ist ein durchaus interessanter Charakter, der eine treffende Wahl als Erzähler gewesen ist, doch überwiegend die letzten Darstellungen seiner Zeit während eines Krieges, als sich sein Ruf als grausamer Anführer manifestiert hat, führen zu einem leicht widersprüchlichen Verhältnis aus Beschreibungen und Taten, denn trotz seiner blutigen und auch erbarmungslosen Schritte, die seine Erinnerungen durchziehen und Reue, Zweifel in ihm hervorrufen, fühlt man es nicht in seinem Charakter, da man weiß, dass er ein gutes Wesen besitzt, das Opfer aus notwendigen Entscheidungen und Pflichterfüllungen wurde.

Fazit

Zusammenfassend handelt es sich um einen zutiefst gelungenen Debütroman, wie man ihn nur selten bekommt. Es ist ein Auftakt, zu welchem man immer wieder mit seiner soliden, vielseitigen, atmosphärischen und in Teilen dunklen Handlung greifen kann, wenn man ein gutes Buch lesen möchte, ohne anschließend die Fragmente seiner Gefühle einsammeln zu müssen oder sich in erdrückenden Intrigen oder allzu komplexen Strukturen wiederzufinden. Vaelins Geschichte ist noch nicht beendet, obwohl dieser erste Band ebenso als Einzelband bestehen könnte, und blicke ich mit Freude auf den zweiten Band und die Entwicklung des Erzähl- ebenso wie Schreibstils des Autors.


4,5/5 ★


Das Hörbuch, gelesen von Detlef Bierstedt, ist ebenfalls sehr empfehlenswert, da die unterschiedlichen Nuancen der Sprache verschiedenster Figuren und der sich verändernde Stil Vaelins in Verbindung mit der allgemeinen Vortragung ein atmosphärisches und angenehm zu verfolgendes Hörbuch schaffen.

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