Rezension: Königsschwur | Joe Abercrombie

Autor: Joe Abercrombie
Originaltitel: Half A King
GB 2014

Erster Band (Shattered Sea)
368 Seiten
Verlag: Heyne
Genre: Low/Heroic Fantasy

ISBN: 978-3-453-31599-0
Erschienen: Januar 2015 (dt.)
Übersetzer: Kirsten Borchardt

Zum Buch

Inhalt

Prinz Yarvi von Gettland ist ein Krüppel, ein Schwächling, ein Niemand. Mit nur einer funktionstüchtigen Hand geboren und von seinem Vater verachtet, muss er sich mit einem bedeutungslosen Diplomatenposten zufriedengeben. Als sein Vater und sein Bruder eines Tages brutal ermordet werden, überwindet Yarvi seine Schwäche und besteigt den Schwarzen Thron von Gettland. Und er legt einen Eid ab: denjenigen, der seine Familie getötet hat, zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen! Doch dann wird Yarvi von seinen engsten Vertrauten verraten …

»Ein Krieger kämpft«, sagte sie und sah ihm offen ins Gesicht. »Ein König befiehlt.« Mit einem Lächeln zog sie ihn auf die erhöhte Plattform. Er folgte ihr zögernd. Es mochte sein Thronsaal sein, aber er fühlte sich mit jedem Schritt mehr wie ein Eindringling, der hier nichts zu suchen hatte.

Seite 35 (Leseprobe)

Aufmachung

Obwohl es sich bei der deutschen Edition um ein typisches, in Photoshop erstelltes Cover handelt, mag ich es, zumal es die Reise des Protagonisten gewissermaßen widerspiegelt.

Die neue englische Version mit den goldenen Akzenten, hat mich erst auf diese Reihe aufmerksam gemacht, da ich sie sehr schön finde und außerdem sticht sie sich definitiv nicht mit der Geschichte. Und dann gibt es noch das Cover von Subterranean Press (Künstler Jon McCoy), welches wieder einmal atemberaubend ist.

Eigene Meinung

Aufmerksam auf dieses Buch bin ich nicht nur aufgrund der Popularität des Autors im Fantasybereich und meinem demzufolge entstandenen Interesse geworden, sondern auch durch die wunderschöne neue Edition. Passend zur goldenen Überschrift des Covers kann ich nur sagen: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Prinz Yarvi ist es nie bestimmt gewesen, König zu werden, hat er doch einen gesunden großen Bruder. Sein Wunsch ist es die Gelehrtenprüfung zu bestehen, denn als Gelehrter würde er nicht verachtet werden. Er wäre am richtigen Platz. Doch führt der plötzliche Tod, die Ermordung, seines Vaters und Bruders dazu, dass er nun der neue Thronfolger ist. Ganz unerwartet wird er zum König, zumindest zum halben König mit seiner verkrüppelten Hand. Schon seit jeher ist er ein Krüppel, ein Schwächling, von niemandem anerkannt. Doch nun schwört er, den Tod seines Vaters und Bruders als König über Gettland zu rächen, während er von seinen engsten Vertrauten verraten wird und tiefer fällt als es ein König oder ein Mensch allgemein je sollte.

Ein Mann schwingt die Sense und die Axt, hatte sein Vater gesagt. Ein Mann rudert sein Schiff und macht die Knoten fest. Vor allem aber hält ein Mann seinen Schild. Er hält die Stellung. Ein Mann steht seinem Schultermann bei. Was ist das für ein Kerl, der nichts von dem vermag?

Ich habe nicht darum gebeten, nur eine halbe Hand zu bekommen, hatte Yarvi gesagt […]

Ich habe auch nicht um einen halben Sohn gebeten.

Seiten 14-15 (Leseprobe)

Ich wusste nicht, dass ich ein Jugendbuch in der Hand halten würde und während ich las, mir Rezensionen anschaute, kamen erste Zweifel in mir auf. Normalerweise bin ich nicht mehr allzu sehr von Jugendbüchern angetan, wenngleich ich doch relativ vielen eine Chance gebe und gewisse Autoren nicht dem Mainstream folgen und sehr gute Bücher schreiben, die sich stark von ihren Genregenossen unterscheiden. Dieses Buch gehört definitiv nicht zu den zuletzt Angesprochenen.

Die ersten hundert Seiten gestalten sich als relativ uninteressant voller Banalitäten. Der Protagonist Yarvi wiederholt in einer endlosen Schleife die eigene schlechte Meinung seiner Selbst, seiner Wertlosigkeit und betont wundervoll seine Opferrolle. Zudem kann man sich an der Begründung des Originaltitels erfreuen, wenn davon gesprochen wird, dass Yarvi nur ein halber König ist. Er ist wirklich nur ein halber König. Er ist kein ganzer König. Wie lustig dazu die gehäuften Witze zu seiner Verkrüppelung sind, kann er doch beispielsweise nicht mit beiden Händen zupacken. Mithilfe seiner aberwitzigen Kommentare entwickelt sich das Bild eines für mich eher dümmlich wirkenden Charakters, was ein äußerster Kontrast zu seiner Rolle als Gelehrter ist. Auf der anderen Seite ist Yarvi trotzdem immer überaus weise und geschickt, so nützlich in jeder Situation. Allgemein kann ich ihn als Charakter nicht gut einschätzen, denn verbunden mit der teils wenig tiefgründig erscheinenden Erzählung, die sich mehr wie eine schlichte Aufzählung von Geschehnissen anfühlt, ist er überaus sprunghaft in seiner Entfaltung. Zuerst verspürt er keinen Anreiz wahre Rache zu verüben und ist nicht direkt der Wille zu der Heirat mit seiner Cousine da, doch urplötzlich möchte er Rache, seine Cousine und König aus tiefstem Herzen sein. Dabei ändert er sich rapide in kürzester Zeit und gewöhnt sich rasch an seine extreme, neue Lebenssituation. Auf Erlebtes wird nach wenigen Seiten wie auf eine vollkommen, in der fernen Vergangenheit liegende Erinnerung geblickt, wobei man keine fühlbare Entwicklung hat. Mehr ist es eine schnell vorangetriebene Erzählung mit wenig Gefühl in Worten und fehlender Atmosphäre. Dem hinzuzufügen ist, dass man von Yarvi selten eine klare Wertung von etwas bekommt. Natürlich soll sich der Leser eine eigene Meinung bilden, aber wenn gravierende Darstellungen wie Sklaverei und Familienheirat unkommentiert stehengelassen werden, erlangt man keinen Einblick in die Figur. An sich ist der Protagonist ein Charakter, den ich lieber aus der Ferne kennengelernt hätte. Sein Verhalten und seine Worte sind durchaus entnervend. Stets hört man ihn über sein Leben auf den Knien und des Leidens klagen, wenngleich er, sehr von sich selbst eingenommen, meint, mit seinen Aktionen immer im Recht zu sein und dass sie das Richtige und Gute sind. Dann verändert er sich stark, ohne dass man dies wirklich nachvollziehen kann, man weiß nicht, weshalb es passiert ist. Durch welche Geschehnisse wird er zum weisen Anführer und hat seine Qualen als auch das gebrochene Sein hinter sich gelassen? Verständlicherweise hat er eine intensive Abneigung zur Schwäche, begründet in seiner Vergangenheit, und sieht sie als etwas Negatives. Er blickt mit erstaunlicher Überlegenheit und Verachtung auf sein früheres Ich, auf Sklaven mit jäher Arroganz und stellt sich verbal als auch mental über andere, wie beispielsweise mit der Beschreibung bezüglich seines Onkels „dieses verräterische Ding“. Er „schüttelte den Kopf über seine frühere Schwäche“. Dabei hat er im Laufe seiner Reise erlebt, dass Schwäche auch etwas anderes sein kann, sie ist wandelbar, hat viele Seiten und kann gleichzeitig zur Kraft führen. Teils kann es auch noch ein Funke Selbstkritik sein, da er schlussendlich seinem früheren Wesen nicht allzu fremd ist. Er tut stark und gebieterisch und ist dennoch schwach und weich. Er tut als sei er so überaus schlau und allwissend und ist dennoch von den Folgen seines Handelns überrascht. Ja, Menschen sterben, was hat er anderes erwartet? Zumal es keine Besonderheit in der Welt, in welcher er lebt, ist. Schlussendlich soll eine deutliche Gegenüberstellung zwischen der Kritik zu Beginn des Buches und anhaftenden Komplimenten zum Schluss geschaffen werden.

Hiermit habe ich mich intensiv mit dem Protagonisten auseinandergesetzt, da zu der vorhersehbaren Geschichte, vor allem dem plumpen Konzept der einleitenden Geschehnisse, voller Vergleiche von früher und jetzt, den Gegensätzen der Gefühle aus Vergangenheit und Gegenwart zu anderen Personen, nicht viel zu sagen ist. Es ist eine große Kette der Zufälle, die mit fortschreitender Seitenzahl doch ganz interessant wird. Wenngleich die Erwähnung der uralten Alben etwas erzwungen wirkt, ist es dennoch ein schönes Detail und frage ich mich, ob es eine größere Bedeutung in der Fortsetzung geben könnte. Es wirkt wie etwas, das noch zu Recht zurückgehalten wird. Zudem konnte sehr gut das Gefühl eingefangen werden, wenn das Leben schlagartig eine Wendung nimmt, neue Eindrücke auf die vorherigen einfließen und die Zeit verrennt, ohne dass man es merkt. Man findet sich zurückblickend wieder. So viel ist geschehen, Personen sind nun anders, und gleichzeitig steht man noch am Anfang, als wäre nie etwas passiert.

»Glorreiche Siege bieten Stoff für schöne Lieder, Yarvi, aber die weniger glorreichen sind nicht schlechter, wenn die Barden erst einmal mit ihnen fertig sind. Glorreiche Niederlagen hingegen sind einfach nur Niederlagen.«

»Auf einem Schlachtfeld gibt es keine Regeln.« […]

»Genau.« […] »Ein König muss gewinnen. Alles andere spielt keine Rolle.«

Seite 27 (Leseprobe)

Ein interessantes Merkmal ist die indirekte Ankündigung eines Todes. Jene, die sterben werden, bekommen eine letzte Szene, oftmals in Verbindung mit Wünschen, Hoffnungen und Zielen, die wohl niemals mehr im Leben in Erfüllung gehen können. Für mich ist es ein Aspekt, der zu Vorherbarkeit führt und ich bevorzuge es, im Dunkeln zu tappen, aber zugleich bringt es Spannung zur nächsten Szene hervor. Des Weiteren bekommt man endlich eine Verbindung zu den vielen Nebencharakteren, die ansonsten nicht großartig herausragen und eher Desinteresse wecken. Ganz anders ist hierbei die handelnde Person Nichts zu betrachten, denn wenngleich sein Ursprung, seine Identität sehr offensichtlich für mich war, erreichen seine Handlungen  mehr Tiefe durch die Auflösung des großen Rätsels.

Schlussendlich ließ sich das Buch besser lesen als es meine Worte vermuten lassen. Erst im Nachhinein empfinde ich gewisse Elemente als zutiefst enttäuschend, dabei hatte ich relativ viel Freude beim Lesen. Teils liegt dies doch Yarvi zugrunde, welcher vielseitig ist und sich tatsächlich ändert. Das große Problem des Buches ist die Unausgeglichenheit. Die gute Atmosphäre, welche den harschen Winter auf der eigenen Haut fühlen lässt und mit vielen Aktionen gefüllt ist, ist leider fast durchgehend gleichbleibend, sowohl auf emotionaler Basis als auch Schwankungen der Spannung. Somit gibt es große, mehr oder weniger, langatmige Strecken. Ebenso schade ist es, dass viele, sehr gute, epische Sätze oder Witze zu oft wiederholt werden und damit an Bedeutung verlieren.

Fazit

Resümierend hat dieser Auftakt, welcher durchaus auch als Einzelband bestehen könnte, gemischte Gefühle in mir geweckt. Direkt im Anschluss an diese Lektüre, wollte ich kein Buch der Reihe mehr anfassen, aber nun besteht doch wieder Interesse die Reise Yarvis weiter zu verfolgen und mehr von der vielseitigen Welt, bisher untypisch ohne magische Elemente und sehr an eine Wikingergeschichte erinnernd, kennenzulernen.


3/5 ★

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