Rezension: Calibans Krieg | James S. A. Corey

Autor: James S. A. Corey
Originaltitel: Caliban’s War (engl.)
USA 2012 (Juni)

Zweiter Band (Expanse – Reihe)
656 Seiten
Verlag: Heyne
Genre: Space Opera (Sci-Fi)

ISBN: 978-3-453-52929-8
Erschienen: April 2013 (D)
Übersetzer: Jürgen Langowski

Zum Buch

Inhalt

Steht das Sonnensystem am Rande einer Invasion?

Die Menschheit hat die Himmelskörper unseres Sonnensystems besiedelt. Doch der Friede bröckelt, denn die Kolonien begehren gegen die Vorherrschaft der Erde auf. Auf dem Jupitermond Ganymed haben die Kämpfe schon begonnen, und nun wird auf der Venus auch noch ein fremdartiges Molekül entdeckt. Steht eine Invasion von Außerirdischen kurz bevor? Das Schicksal der Menschheit steht auf Messers Schneide …

Das Ding im Inneren hob den Kopf. Es war ein Mann, aber er war nackt, und die Haut sah nicht wie Haut aus. Die Augen glühten blau, als hätte er ein Feuer im Kopf. Und mit den Händen stimmte etwas nicht.

Er streckte sie zum Glas aus, und Mei schrie.

Seite 13 (Leseprobe)

Aufmachung

Obschon die erste deutsche Ausgabe etwas Episches an sich hat (und weniger grün als das dargestellte Bild ist), weist es verglichen mit dem sehr passenden und schönen englischen Cover in eine vollkommen andere Richtung einer Geschichte, doch die Titel sind hingegen harmonisch mit dem Inhalt des Buches.

Somit empfinde ich die neuere deutsche Ausgabe, welche eine farblich veränderte Version der englischen ist, treffender. Es wäre auch interessant, gäbe es eine Karte, die die bewohnten Orte des Sonnensystems vor Augen führt.

Eigene Meinung

Der Auftakt der Expanse-Reihe hatte mich mit Begeisterung zurückgelassen, doch wie immer zögerte ich eine lange Zeit, bis ich zu seiner Fortsetzung griff, denn aus meiner Erfahrung heraus sind die Chancen groß, dass der zweite Band eine derbe Enttäuschung ist. Hierbei hatte ich dann zwar genauso viel Freude wie mit dem ersten Band, dennoch war die Fortsetzung etwas schwächer.

Mit dem Tod konnte sie sich abfinden. Ohne Antworten zu sterben, fand sie unermesslich grausam.

Seite 13 (Leseprobe)

Durch reines Glück konnte die Bedrohung des Sonnensystems eliminiert oder zumindest aufgehalten werden. Vieles hat sich seit den Ereignissen auf und rund um Io geändert – in der Politik, Gesellschaft und für James Holden und seine Mannschaft. Die vermeintlich endgültige Lösung des Problems scheint noch längst nicht gefunden zu sein, denn einerseits gibt die außerirdische Existenz keine Ruhe auf der Venus und andererseits scheint es, als würde das Protomolekül vernichtend von den Menschen eingesetzt werden. Die Spannung zwischen der Erde und dem Mars wird umso größer, als eine neuartige Form des Protomoleküls auf dem wichtigen Mond Ganymed auftaucht und in Folge dessen der Konflikt in einen Krieg auszubrechen droht.

Das Wesen machte einen Schritt auf sie zu, hielt inne und schauderte. Aus dem Rumpf brach ein Paar neuer Gleidmaßen hervor und zuckte wie Tentakel. Der ohnehin schon groteske Kopf schien anzuschwellen. Die blauen Augen strahlten hell wie die Lichter in den Kuppeln.

Seite 26 (Leseprobe)

Trotz der längeren Pause zwischen den beiden Büchern ist mir der Einstieg äußerst leicht gefallen aufgrund der Wiederholungen der wichtigsten Fakten zu Ereignissen und Charakteren, die auch bei einem direkten Anschluss an den Auftakt nicht störend wirken würden. Eher erscheinen sie als Teil der Charaktere, die sich gedanklich und vor allem emotional mit den Geschehnissen auseinandersetzen. Herausragend ist hierbei, welche Veränderung Holden durchlebt und welche Konsequenzen dies für seine Handlungen als auch die Beziehungen zu anderen Menschen hat. Allgemein hat es das Autorenpaar erneut geschafft, dass Figuren zu etwas Besonderem werden und sich voneinander abheben. Erreicht wird das Ganze durch die wechselnden Perspektiven, welche je nach Charakter des Menschen einen sich voneinander differenzierenden Schreibstil haben. So wird beispielsweise höhere, gebildetere mit salopper Sprache homogen vermischt. Zuzüglich verbinden sich viele einzelne Ansichten zu einem größeren Bild, das heißt, dass es nicht ausschließlich die subjektive Meinung einer Partei gibt, sondern eine breitgefächerte Darlegung mehrerer Stimmen und Wahrnehmungen, hervorgehend aus ungleichen Ständen und Abstammungen, ebenso anderen Wissensständen und Erfahrungen. So kann man eine spannende Szene aus der Sicht einer damit vollkommen überforderten Person lesen, wodurch eine knisternde Spannung entsteht. Ein wichtiges Thema, das alle Figuren in gewissem Maß beschäftigt, ist die Angst. Die Charaktere tragen innere Kämpfe aus und es schwanken ihre Emotionen. Sie geben ihre Schwäche zu, sprechen über ihre Gefühle und zeigen, dass jeder Mensch einen verletzlichen Kern haben und auch zusammenbrechen kann. Dadurch erscheinen sie realistischer und echter. Eine weitere Note sind kleine Gedanken und Witze, die schlichtweg keine Rolle für die Handlung spielen, aber irgendwann werden sie wieder erwähnt. Es sind diese kleinen, liebevollen und authentischen Details, die den fiktiven Menschen Leben einhauchen.

Die Autoren haben als Leitfaden erneut die Suche nach einer Person als Schlüsselelement der Geschichte, verbunden mit der weiteren Aufdeckung und Entdeckung des Protomoleküls gewählt, was sich schlussendlich leider zu einer Geschichte entwickelt, die länger für den richtigen Anlauf braucht. Dennoch sind es die epischen und atmosphärischen Schlachten und Kämpfe, die einen in das Geschehen mit Faszination hineinziehen. Dabei lieben es die Autoren, dem Leser das Gefühl zu geben, er könne sich in Sicherheit wiegen, nur um letztendlich doch Spielchen mit ihm zu spielen. Zudem haben sie viel herrlichen Sarkasmus in die Erzählung verwoben – nicht selten musste ich über das Wesen der Mannschaft Holdens schmunzeln, das stets „Ernsthaft?“ zu sagen scheint, so oft wie sie die falschen Karten ziehen und in eine nicht unbedingt gewünschte Situation geraten.

Jim Holden konnte nicht anders, er drückte noch einige Male auf den roten Knopf, der sie eigentlich einschalten sollte, obwohl er längst wusste, dass dabei nichts herauskommen würde. Die große glänzende Kaffeemaschine […] gönnte ihm nicht eine Tasse und gab nicht das leisteste Geräusch von sich. Sie weigerte sich einfach, Kaffee zu produzieren, und versuchte es nicht einmal.

Seite 27 (Leseprobe)

Doch manchmal können Wiederholungen zu Merkmalen von Charakteren auch entnervend sein, wenn in gefühlt jeder Szene auf die Körpergröße der neuen und interessanten Figur Bobbie oder Alex‘ gewöhnungsbedürftige, langgezogene Aussprache hingewiesen wird.

Fazit

Trotz negativer Aspekte ist es eine gelungene Fortsetzung, die die Welt um das besiedelte Sonnensystem und das Protomolekül erweitert und neugierig macht auf einen weiteren Band voller Spannung, Intrigen und Lügen, die mit trockener Ehrlichkeit als Schlussnote abgelöst werden, kleinen Elemente des Horrors, technischen Science-Fiction-Details und Humor, den ich in dieser Art bisher selten in Büchern antraf. Ich bin gespannt, was nun geschehen wird und wie sich die Charaktere, welche man nicht vergessen kann, entwickeln.


4/5 ★

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: