Rede: Monotonie der Medien

Vor einiger Zeit hatte ich eine Rede zu schreiben.
Ich kann Reden nicht leiden.
Ich habe zuvor noch nie eine Rede geschrieben.

Das Thema durfte frei erdacht werden und wollte ich etwas wählen, das mir sehr am Herzen liegt. Es sollte für mich ein Thema sein, über welches ich wirklich sprechen kann. Über das ich reden möchte. Worte, die ich schlichtweg teilen muss.

Meine Rede spiegelt lediglich einen Teil meiner persönlichen Gedanken wieder.

Sie ist nicht perfekt und Reden sind viel bewegender, werden sie mit den gewollten Emotionen des Schreibers gesprochen. Dennoch möchte ich sie teilen, um diesem Blog ein besseres, ein tieferes Bild meiner Selbst zu geben.


Wie der französische Autor Eugène Ionesco sagte: „Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung.“ Doch genau sie fehlt uns und bewegen wir uns nur noch auf einem endlosen Gleis, das keine Abzweigungen kennt.

Gehen wir zum Beispiel in eine Buchhandlung. Wir nehmen ein Buch, lesen die Inhaltsbeschreibung und stellen es wieder in das Regal zurück. Wir nehmen ein weiteres Buch und wiederholen den Vorgang. Dann ein erneutes Mal. Und langsam merken wir, dass wir größtenteils das Gleiche lesen. Entweder wir entscheiden uns für die Lektüre mit dem wahrscheinlich herausragensten Inhalt oder die mit größter Beliebtheit. Schlussendlich vertrauen wir auf unser Gefühl. Aus Sicherheit greifen die meisten Menschen nach dem derzeit Beliebtesten, denn was alle mögen, kann doch nicht schlecht sein. Wir wollen schließlich nicht unsere kostbare Zeit vergeuden, sondern einfach mit etwas Gutem abschalten und den Druck vergessen, der auf uns ausgeübt wird. Außerdem wollen wir nicht verpassen, was momentan in aller Munde ist.

Lesen wir nicht, dann nehmen wir ein anderes Medium zur Unterhaltung. Einen Film oder eine Serie zum Beispiel. Oder wir hören schlichtweg Musik. Es gibt ganz viele verschiedene Arten. Eines haben die Medien jedoch gemeinsam – Eintönigkeit in der Masse.

Seit jeher gab es in den Künsten gewisse Epochen und Strömungen, welche sich durch spezielle Merkmale auszeichnen. Die Zentralperspektive der Bilder in der Renaissance, die die Figuren des Gemäldes hervorhebt. Das Symbol der Blauen Blume in der Romantik, die für die Sehnsucht des Unerreichbaren und die Verbindung zwischen dem Menschen und der Natur steht. Die fantasievolle Darstellung von Hoffnung und Glück im klassischen Hollywoodfilm, die mit einem Happy End vom grauen Alltag ablenkt.

Jede Zeitspanne ist von einem zusammenfassenden Bild geprägt, entstanden aus dem Kern der Majorität.

Wie wird wohl unsere derzeitige Epoche oder Strömung der Kunst in hundert Jahren aufgefasst werden? Als einen Abschnitt der überschwemmenden Massenmedien, in welchem Neues und die Entwicklung der Kunst stagniert? Oder ein Zeitalter, das alle vorherigen auf ganz besondere Weise miteinander verbindet? Oder die Geburt von Außergewöhnlichem durch den Fortschritt der Technik und neuen Möglichkeiten und Visionen der Zukunft?

Bisher können wir dies noch nicht wissen, aber neben wenigen herausragenden Publikationen ist mir eines aufgefallen. Es wird zu einem Großteil zunehmend das Gleiche vermarktet und dabei auf der Schiene des Erfolges gefahren. Mit dem Strom zu schwimmen scheint stärker denn je zu sein. Dabei stellt sich mir die Frage, wie dieses Konzept aufgehen kann. Bemerken wir Menschen nicht, vor einer endlosen Monotonie zu stehen und sie aktiv oder passiv zu wählen, oder wollen wir es nicht bemerken? Wie kann eine solche Beliebtheit des wiederholt Unterschiedslosen möglich sein?

Es mag in uns liegen, dass wir das Gewohnte aus Sicherheit favorisieren, wie eine Tradition oder ein Ritual, die uns ein Gefühl von zuverlässiger Regelmäßigkeit und vielleicht auch Geborgenheit geben. Allerdings sind es die herausstechenden Erfahrungen und Gefühle, Erlebnisse und Einflüsse, die unser Leben lebenswert machen, die uns wahrhaftig lebendig machen. Sie prägen unseren Charakter und machen uns einzigartig. Erinnern wir uns nur an unsere Kindheit. An was denkt man als erstes? Das alltägliche Aufstehen und Frühstücken, das Ins-Bett-Gehen, den Weg zum Kindergarten? Nein. Man erinnert sich an das Baden im eiskalten Fluss an einem heißen Sommertag. An den Tag als man stürzte und zum ersten Mal die Empfindlichkeit des eigenen Körpers vor Augen geführt bekam. Als man mit dem Schlitten den Weg zum Kindergarten beschritt.

Jetzt sind wir mehr und mehr in einem festen Ablauf gefangen, der uns Stabilität suggeriert und aus welchem wir nicht mehr ausbrechen können. Es wirkt, als ob wir auf sicherem Terrain bleiben wollen, immer die Furcht vor Fehltritten im Rücken, aber keine Wagnisse führen auch zu keinen neuen Entdeckungen. Wir sind gefangen in einer Welt voller Zwänge der Gesellschaft und zunehmenden Druck auf ein einzelnes Individuum. Nicht Wenigen schwirren so viele Gedanken im Kopf herum aufgrund der Fülle der Informationen und Verzweiflung, dass sie nichts anderes mehr wünschen als einen Moment des Nichtdenkens und der Ruhe. Beides ist notwendig, aber wenn nur kurze Phasen der eigenen Zeit übrig bleiben, ist es denkbar, dass in diesen die Monotonie die einzige Sicherheit und Entspannung ist. Und nimmt dieses Gefühl immer weiter zu, geht etwas verloren.

Auf der anderen Seite, genügt es, was bisher geschaffen wurde? Alle Varianten und Kombinationen scheinen schon ausprobiert und lassen sich keine neuen mehr finden. Also wählt man die, die wohl allen gefallen. Die eine Idee, die sich auf jeden Fall verkaufen lässt, weshalb kopiert und kopiert wird. Leider ist dies eine Denkweise, die dem Einfallsreichtum der Kunst überaus schadet. Erfolg und Profit stehen über der Kreativität und Besonderheit. Nicht die Kunst an sich ist mehr das Wichtige. Werden hingegen doch Meisterwerke geschaffen, können sie sich meist nicht durchsetzen. Eine erfolglose Produktion kann sich fast niemand leisten. Gedankenexperimente sind Luxus.

Um nicht den falschen Schritt zu gehen, bleibt man folglich auf der sicheren Seite. Eventuell gibt es schon zu viel und Neues ist nicht mehr möglich – auch das kann ein Gedanke sein.

Aber wenn wir Wiederholungen und Gleiches wählen, denken wir dann auf Dauer noch selbstständig? Nutzen wir unsere Phantasie? Spinnen wir weiter und fragen uns, ob wir Menschen uns weiterhin voneinander unterscheiden, uns unterscheiden wollen, oder zu einer abwechslungslosen Masse verschmelzen.

Die Medien spiegeln unsere psychischen und physischen Empfindungen in jeder Phase unserer Existenz wieder. Sie sind ein Weg, um sowohl etwas zu verarbeiten als auch mitzuteilen. Was sieht man dementsprechend in der Monotonie? Was könnte man daraus lernen? Wie könnte man an die Probleme herangehen, die uns alle beschäftigen? Es ist ein Teufelskreis, aus dem man nicht leicht entkommen kann. Vorerst hingegen ist es wichtig, sich des Irrkreises erst einmal bewusst zu werden und darauf zuzugehen.

Jedem Menschen ist es selbst überlassen, wie er die Inhalte des Konsums der Medien deutet und jeder Mensch nimmt sie anders wahr. Die Quantität mag hierbei entscheidend sein. Aber sollte die schwindende Vielfalt unseres Schaffens nicht keine Reflexion des Aussterbens sein.

Unser Planet ist voller Diversität, weshalb klingt sie dann auf geistiger Ebene ab?

„Schließlich, und endlich: Was vermisse ich unter meinen Mitmenschen am meisten: Wirkliche, wirkliche Phantasie“, bemerkte Christian Morgenstern vor mehr als hundert Jahren. Und die Abwesenheit von Phantasie ist lediglich ein Teil der Monotonie. Dabei wirkt schon allein Phantasie auf allen Ebenen und ist essentiell für den Fortschritt, unsere Existenz.  

2018

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